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  • AutorenbildLacerta Bilineata

Smaragdeidechsen In Der Schweiz Beobachten Und Fotografieren: Ein Erlebnisbericht


Smaragdeidechse (Lacerta bilineata), in der Schweiz fotografiert (Tessin)
Smaragdeidechse (Lacerta bilineata), in der Schweiz fotografiert (Tessin)

Wenn Männchen der Smaragdeidechse (Lacerta bilineata) verliebt sind, färbt sich ihr Gesicht intensiv blau. Diese Veränderung der Hautfarbe ist übrigens besonders typisch für die Populationen im Tessin in der Schweiz; nicht überall in Europa, wo diese Reptilienart vorkommt, lässt sich eine solch ausgeprägte Blaufärbung während der Paarungszeit beobachten.


Der Wechsel der Farbe geschieht nicht sofort (Smaragdeidechsen können ihre Farbe nicht wie Chamäleons nach Belieben ändern); die Tiere müssen erst ihre alte, etwas weniger farbenfrohe Haut abstreifen. Sobald das geschehen ist, erscheinen sie in dem leuchtenden "Hochzeitsgewand", das man auf dem Foto sieht (mehr Fotos finden sich am Ende des Beitrags).


Mit diesem schillerenden Aussehen versuchen sie, die Weibchen während der Paarungszeit im Mai und Juni zu beeindrucken, aber die Farben sind am intensivsten direkt nach der Häutung. Ich hatte das Glück, dieses prächtige Männchen genau in diesem Moment zu erwischen; man kann sogar noch Teile der alten, dunklen Haut sehen, die noch nicht ganz überall verschwunden ist.


Westliche Smaragdeidechse (Lacerta Bilineata), Männchen im Hochzeitskleid, Tessin, Schweiz 05-2021
Westliche Smaragdeidechse (Lacerta Bilineata), Männchen im Hochzeitskleid, Tessin, Schweiz 05-2021

Bis dieses Bild im Kasten war, musste ich allerdings mehr als nur ein paar Hürden überwinden. Die nachfolgende Anekdote ist zwar - falls überhaupt - wahrscheinlich nur für Naturfotografen von Unterhaltungswert (von denen wohl jeder und jede schon ähnliche Leidensgeschichten erlebt hat), aber wer weiss; vielleicht finden auch andere Leser was zum Schmunzeln ;-) )


Ich beobachte und fotografiere schon seit vielen Jahren Smaragdeidechsen im Garten meines Ferienhauses im Tessin in der Schweiz, war allerdings bis anhin immer etwas enttäuscht von meinen Fotos, da meine relativ billige Kompaktkamera die Schönheit der Tiere irgendwie nie richtig einzufangen vermochte. Im Frühling 2021 hatte ich mir nach langem Hin und Her dann aber endlich eine Kamera gekauft, von der ich mir eine deutlich höhere Fotoqualität erhoffte (wenigstens die Preisqualität war definitiv höher ;-).


Dermassen ausgerüstet - davon war ich überzeugt - stand einer perfekten Aufnahme eines wunderschönen Lacerta bilineata Männchens während der Paarungszeit nichts mehr im Wege. Als ich mich zu Beginn meiner sehnlichst erwarteten Ferien mit der teuren neuen Kamera dann endlich auf Safari in meinen Garten begab, voller Vorfreude auf ein naturfotografisches Highlight, das seinesgleichen suchen würde, glänzten die Zielobjekte und Hauptdarsteller meines geplanten Meisterwerks allerdings durch Abwesenheit.


Ich konnte mein Pech kaum fassen: egal wo ich nachschaute, mein Garten war auf einmal gänzlich smaragdeidechsenfrei; nicht mal an ihren ehemals beliebtesten Sonnenplätzchen tauchten die Tiere auf. Mehrere kostbare Ferientage schwanden dahin, bis ich meine grünen Lieblinge schliesslich wieder fand, und zwar nur wenige Meter ausserhalb meines Gartens, in einem ausgedehnten Gebüsch am Rande einer leerstehenden Pferdeweide.


Anscheinend war die gesamte Smaragdeidechsenpopulation dorthin umgezogen, was ziemlich sicher damit zu tun hatte, dass sie von der wachsenden Anzahl Katzen im Dorf - die sich leider geradezu auf Eidechsenjagd spezialisiert haben - in den Gärten praktisch non-stop belauert und massakriert wurde. In diesem Gebüsch waren die Echsen nun nicht nur weitgehend geschützt vor Bodenraubtieren, sondern die erhöhte Lage bot ihnen auch noch eine 360° Rundumsicht auf jede sich nähernde Gefahr.


Meine Wunschmotive hatte ich jetzt zwar wieder gefunden, aber von meinem fotografischen Pendant zur Mona Lisa war ich leider noch weit entfernt. Smaragdeidechsen sind von Natur aus sehr scheu; diese offensichtlich komplett traumatisierte Gruppe von Überlebenden der Katzenmassaker war jedoch so hypernervös geworden, dass die Tiere bei der geringsten Annäherung sofort ins dichteste Blattwerk des Gebüschs flüchteten.


So oft und so vorsichtig ich mich auch näherte; egal ob schleichend, gebückt oder auf allen Vieren (besonders das Letztere war im Rückblick keine gute Idee, da ich so aus Sicht der Eidechsen wohl einfach wie die grösste und hässlichste Katze der Welt aussah): unter lautem Geraschel verschwanden die Tiere jedesmal, bevor ich ein brauchbares Foto schiessen konnte - bis ich schliesslich entnervt aufgab.


Da ich auf direktem Weg nicht zum Ziel gelangen würde, war eine Strategieänderung angezeigt. Ich wusste, Smaragdeidechsenmännchen haben grosse Territorien, durch die sie regelmässig "patroullieren" um zu jagen und allfällige Rivalen zu vertreiben; ich brachte nun also die nächsten Tage damit zu, das Gebüsch zu observieren wie ein FBI Agent, der sich auf die Razzia in einem vermuteten Mafiaversteck vorbereitet (meine Ferien schmolzen weiter dahin, ohne dass ich bisher ein einziges brauchbares Bild geschossen hatte; geschweige denn ein "Mona Eidechse" Meisterwerk, wie es mir vorschwebte).


Mein Plan war es, herauszufinden, zu welchen Tageszeiten ungefähr die Männchen jeweils das Gebüsch verliessen und wann sie in etwa wo in ihrem Territorium aufkreuzen würden. Somit könnte ich mich dann schon vor ihnen dort mit meinem Stativ in Stellung bringen, ganz mit der Umgebung verschmelzen und die Tiere würden nicht einmal merken, dass ich da war.


Gesagt, getan - und mein akribisches Eidechsen-Stalking zahlte sich aus: als ich mich nach ein paar Tagen entsprechend der beschrieben Methode an einer vielversprechenden Stelle platzierte, tauchte ein prächtiges Männchen tatsächlich genau dort auf, wo ich es erwartete (obwohl Herr Smaragdeidechse mich fast zwei Stunden warten ließ). Doch das Triumpfgefühl beim Anblick der Echse dauerte leider gerade mal ein paar Sekunden.


Ich Depp hatte nicht bedacht, wo die Sonne stehen würde: ich hatte mich in einem so blöden Winkel aufgestellt, dass mein ersehntes Wunschmotiv komplett im Gegenlicht stand! Ich konnte klicken, soviel ich wollte: auf allen Fotos erschien der vermaledeite Mini-Drache nur als eine fast schwarze Silhouette. Und natürlich war er auch so rasch wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.


Völlig entnervt verfluchte ich meine unsägliche Dummheit und stand kurz davor, meine teure neue Kamera mitsamt mir selbst gegen die nächste Mauer zu werfen; dann erinnerte ich mich glücklicherweise an das kalte Bier, das im Kühlschrank auf mich wartete, und ich erkannte, dass das Leben noch immer lebenswert war ;-). Stattdessen versprach ich mir, es beim nächsten Mal besser zu machen.


Am nächsten Tag war ich umsichtig genug, mich an einer Stelle zu positionieren, von der aus das Objekt meiner fotografischen Begierde perfekt "ausgeleuchtet" sein würde (aus der Perspektive der Eidechse würde nun ich die dunkle Silhouette im Gegenlicht sein ;-). Dann war Warten angesagt. Und so wartete ich - und zwar für eine ganze Weile. Ich hatte mich kurz vor 10 Uhr in Stellung gebracht, und entgegen der mässigen Wetterprognose war es nun heiss und wurde immer heisser.


Ich wartete fast drei Stunden (dies entspricht tatsächlich der Wahrheit: wenn ich mir mal etwas vogenommen habe, wird meine leider angeborene extreme Ungeduld nur noch von meiner noch extremeren Sturheit übertroffen). Es war das Pfingstwochenende und meine Nachbarn - die auf dem Weg zur Kirche an mir vorbeigekommen waren und mir da schon "leicht besorgte" Blicke zugeworfen hatten (wie auch schon am Vortag) - sahen mich nun, da sie mich auf dem Rückweg immer noch hier antrafen, mit Gesichtern an, die keinen Zweifel daran liessen, dass sie mich für vollkommen übergeschnappt hielten.


Schliesslich, dem Hitztetod gefährlich nahe, hatte auch ich genug. Doch just als ich bereit war, die Zelte abzubrechen, sah ich eine Bewegung im Gras. Und plötzlich war die Echse da: zwar noch kaum sichtbar im dichten, grünen Wiesenteppich, aber sie kam eindeutig auf mich zu. Ein paar Sekunden später tauchte ein regelrechter Smaragdeidechsenkönig auf, in seiner ganzen grünen und türkisblauen Pracht (und perfekt im Licht) - und in diesem Moment hörte ich laute, fröhliche Kinderstimmen hinter mir, die sich rasch näherten.


Zwei kleine Jungs kamen angerannt - und die Smaragdeidechse blieb wie angewurzelt stehen (leider war sie für ein gutes Foto noch etwas zu weit weg). Ich bin kein religiöser Mensch, aber in dem Moment begann ich innbrünstig zu beten ("Lieber Gott: das lässt du nicht zu; BITTE lass diese Kinder nicht hierher kommen - BIIITTTEEE!!!!!").


Aber Gott hatte offensichtlich nicht vergessen, dass ich mich normalerweise als Atheisten bezeichne, und natürlich rannten die beiden Kids genau dahin, wo ich mich befand - und wo sich der Herr Smaragdeidechse nun verabschiedete. Soviel Rufen und Rennen war zuviel des Guten für meinen Eidechsenkönig: Arrivederci, Aurevoir und auf Wiedersehen im nächsten Jahr - und weg war er. Und das war's dann. Ich konnte es nicht glauben; ich spürte eine Woge von so immenser Frustration über mir mich hinwegspülen, dass ich bereute, jemals eine Kamera in die Hand genommen zu haben.


Wer sich nun (nicht ganz unbegründet) Sorgen um das Schicksal der beiden Buben macht, sei an dieser Stelle beruhigt: beide sind unverletzt und vollkommen wohlauf ;-) Es war der erste Tag ihrer Pfingstferien, und sie waren gerade erst mit ihren Eltern mit dem Auto im Dorf angekommen. Nun fragten sie mich unschuldig, wo denn die Pferdchen hin seien (ich stand nämlich neben der verlassenen Pferdeweide); die beiden hatten sich anscheinend die ganze Fahrt über auf diese "Pferdchen" gefreut und waren nun sichtlich enttäuscht. Ich holte tief Luft und murmelte, dass ich keine Ahnung hätte.


Ich weiß nicht, wie sich andere Fotografen in meiner Situation gefühlt hätten, aber mir war vor Hitze und Ärger regelrecht übel und ich wollte nur allein sein (um mir in aller Ruhe sämtliche Haare auszureissen und anschliessend das wunderschöne Geräusch zu geniessen, das meine Kamera bei einer direkten Begegnung mit meiner Hausmauer machen würde). Aber natürlich hatten die beiden Jungs andere Pläne.


Kaum war klar, dass es keine Pferdchen gab, rückte ich auf der Interessenskala der Kids automatisch nach oben und war nun die Hauptattraktion, und die beiden waren noch lange nicht mit mir fertig. Es blieb mir also nichts Anderes übrig, als mein Selbstmitleid vorübergehend zu verdrängen und zu akzeptieren, dass die beiden Jungs mein in Entstehung begriffenes Meisterwekrk ja nicht absichtlich vernichtet hatten (und auch, dass ich mit meiner neuen Kamera nie das ersehnte Bild würde schiessen können: das Universum war eindeutig dagegen).


Die Buben wollten unbedingt wissen, was ich denn fotografierte, und so erzählte ich ihnen alles über Smaragdeidechsen; über ihre fantastischen Farben; darüber, wie selten und wie scheu sie wären, und dass sie zu den größten Eidechsen Europas gehören würden und eine geschützte Art wären - und meine beiden neuen Freunde wurden von meinen blumigen Schilderungen umgehend in den Bann gezogen. Selbstverständlich wollten sie jetzt hier mit mir warten und dieses magische Wesen mit eigenen Augen sehen.


Ich lächelte nur müde und versicherte ihnen, dass das scheue Reptil nach all dem Lärm, den "wir" gemacht hatten, leider so bald auf keinen Fall zurückkommen würde, und schon rief einer der Jungen: "Ich sehe es!" Und - ich traute meinen Augen kaum - das tat er tatsächlich. Offenbar hatte mein Eidechsenkönig in der Zwischenzeit beschlossen, dass ein bisschen Rennen und Rufen doch nicht genügte, um ihn von seinem Lieblingsplätzchen für ein mittägliches Sonnenbad fernzuhalten, einem kleinen Haufen trockenen Grases unter dem Pferdezaun.


Ich forderte die Kinder auf, ganz still zu verharren - was sie auch sofort machten - und dann konnten wir alle drei dabei zusehen, wie dieses wunderschöne Reptil ganz langsam und vorsichtig aus der Wiese auf den Grashaufen kroch, wo es sich mit grosser Sorgfalt genau so positionierte, dass es die perfekte Menge Sonnenlicht abbekam (beim ersten Foto ist die Sonne noch hinter den Wolken verborgen, danach wurde das Sonnenlicht immer stärker, und man kann in der Fotogalerie gut sehen, wie sich die Farben der Eidechse je nach Licht verändern).



So kam ich am Ende doch noch zum ersehnten Foto - und zu vielen weiteren während der nächsten Tage und Wochen, da die Tiere sich etwas an mich zu gewöhnen schienen (Interessierte können die Bilder gerne auf meiner Website anschauen). Während des restlichen Urlaubs liefen mir die beiden Kinder immer mal wieder über den Weg, und jedes Mal erzählten sie wieder begeistert von dieser fantastischen, blauköpfigen Eidechse, die sie an jenem Tag mit mir gesehen hatten.


Wer weiss, vielleicht hat diese Begegnung ja ihr Interesse an der Natur geweckt (ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass sich die Pferdchen bem nächsten Urlaubsbesuch der beiden Jungs in unserem Dorf gegen etwas Konkurenz aus dem Reptilienreich werden durchsetzen müssen ;-)

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